Crazy

Das Verzieren von Crazy- Quilts mit unterschiedlichsten Stichen ist ein beliebter Einstieg ins freie Sticken, besonders auch für Quilterinnen. Inzwischen gehört es schon zu den traditionellen Techniken und ist eigentlich total „out“. Aber es war für die meisten von uns der Beginn eines völlig neuen Stick-Gefühls und hat uns eine neue Welt erschlossen, in der plötzlich alles erlaubt und
Experimentieren ausdrücklich erwünscht war.

Viktorianischer Quilt

Den Quilt oben habe ich nach einem Besuch im Quilt-Museum von Schloss Eringerfeld angefertigt, wo ich vor Jahren während der Patchworktage viele beeindruckende alte Quilts gesehen hatte. Er sieht also ganz bewusst so antik aus. Der Schriftzug mit meiner Internetadresse ist in Goldwork gearbeitet.

Crazy-Farbkreis aus handgefärbten Stoffen

Crazy-Farbkreis aus handgefärbten Stoffen

Doch es muss gar nicht immer viktorianisch sein. Auch auf modernen Collagen mit geraden und/oder offenen Kanten lässt es sich herrlich sticken und experimentieren.

An Crazy-Quilts und Collagen fasziniert es, dass man in jeder Minute und mit jeder Naht eine neue Auswahl treffen kann über Farbe, Stich, Material, Design, während man bei den meisten anderen Projekten oder Quilts doch zuweilen auf Wochen und Monate gebunden ist an das, was man einmal an Farben und Muster aus einer Laune heraus ausgewählt hat.

Besonders reizvoll ist es, nicht nur die traditionellen viktoranischen Zierstiche zu verwenden, sondern alle möglichen Sticktechniken auszuprobieren: Goldwork, Nadelspitze, Stumpwork, aber auch experimentelles und freies Maschinensticken, wie unten im Quilt.

Quilt

Quilt „Altweibersommer“

Ich halte ein gutes Stickmusterbuch für unentbehrlich. Hier seien dennoch einige sehr empfehlenswerte Links zu Seiten mit Stickstichen genannt:

In den verschiedenen Quellen über die Entstehungsgeschichte des Crazy-Quiltens wird trotz aller Unterschiede doch immer wieder auf ein offensichtlich sehr wichtiges Ereignis hingewiesen: Die Weltausstellung in Philadephia von 1876 und ihr Einfluss auf die Weiterentwicklung dieser Technik. Besonders die edlen, professionellen Stickereien der Londoner Royal School of Needlework und die kunsthandwerklichen Designs der Japaner waren es, die dadurch dem Crazy-Quilten in Amerika ganz neue Impulse gaben.

Handgenähte Schachtel mit Crazy-Stickerei

Handgenähte Schachtel
mit Crazy-Stickerei

In den darauf folgenden 80er Jahren des 19. Jahrhunderts kam das Arrangieren und Besticken edler Stoffreste sehr in Mode. Das Quilten wurde nun nicht mehr ausschließlich als sparsame Wiederverwertung von Stoffen angesehen, sondern entwickelte sich zum Steckenpferd der feinen Gesellschaft. Damen von Stande, die Zugang zu noch ganz anderen Stoffen hatten, setzten Brokat, Samt und Seide für ihre zweckfreien Crazy-Blöcke ein und schufen kostbare Kunstwerke. Für manche war es die einzige Möglichkeit, einen persönlichen Ausdruck und eine gewisse Anerkennung zu finden. Die Frauenzeitschriften griffen das Thema gerne auf, gaben Anleitungen und stellten neue Stiche und Möglichkeiten des Verzierens vor. Auch andere Wirtschaftszweige erkannten die Zeichen der Zeit und boten Waren eigens zur Herstellung von Crazy-Quilts feil, so wie es auch heute wieder in Mode gekommen ist.

Gesammelte Materialien für einen Crazy

Gesammelte Materialien für einen Crazy

Und heute wie damals wird es damit enden, dass dem Publikum das Geschnörkel irgendwann zu viel wird und man sich wieder nach klaren Formen sehnt. Bis dahin aber lasst uns schwelgen und verzieren, stöbern und tauschen, sticheln und gestalten und uns der Schönheit unserer Werke freuen.

Wenn alle Nähte bestickt sind, wollen auch die Innenräume ausgestaltet werden. Betrachten Sie ihren Crazy-Block als einen Garten und die einzelnen Felder als Blumenbeete, die sie ausschmücken dürfen. Dort, wo so viele Ecken zusammenstoßen, dass Sie gar nicht mehr wissen, welchen der Zierstiche Sie bis wohin führen sollen, können kreisrunde Stickereien platziert werden: gewebte Rosen oder große Räder mit und ohne Rippen. Auch Knöpfe lösen oftmals das Problem.

In die Mitten Ihrer Stoffe können Sie Nadelmalerei, Stumpwork oder Blumen aus Seidenbändchen sticken, aber es gibt natürlich auch unglaublich viele Gegenstände, die nun aufgenäht werden können. Grundsätzlich gilt: auf Crazies brauchen Sie sich nicht zurückzuhalten. Die folgende Liste ist ganz gewiss unvollständig, denn eigentlich kann alles, was nicht schlecht wird oder so schwer ist, dass es den Quilt zu Boden zieht, auf einem Crazy-Block Verwendung finden:

Crazy in Gold-Blau

Crazy in Gold-Blau

Was kann drauf? Perlen — Knöpfe — Spitze — Kordeln — Litzen — Häkelblumen — Geklöppeltes — Occhi — Pailletten — Muscheln vom Strand — Spiegelchen (Sisha) — Metallteile — Tyvek — Angelina — Kantillen — Charms und, und, und

In Amerika gibt es ganze Industriezweige, die sich mit der Herstellung solcher „charms“ befassen. Sie können kaufen, jagen und sammeln ohne Ende. Es gibt aber auch die schöne Möglichkeit, sich gegenseitig zu beschenken oder sich zum Tausch von Crazy-Materialien zu treffen.. Dann beginnt das große Vergnügen und das Ausprobieren, denn irgendwann wird jedes Teil einmal genau da hinpassen, wo sie es probeweise hinhalten! Sie werden fühlen, wo der Perlmutt-Knopf hin will, welche Nachbarn sich die alte Süßwasser-Perle sucht, wo die Seidenrose blühen möchte.

Das Crazy-Quilten kann Sie zu neuen Hobbies führen oder alte wieder aufleben lassen. Jemand, der früher gerne geklöppelt hat, wird sicher eher Spitze aufnähen. Die Blöcke einer Perlenliebhaberin werden anders aussehen als die einer begeisterten Wattwanderin. Vielleicht entwickeln Sie eine ganz neue Sammelleidenschaft und besuchen Flohmärkte.

crazy-anne

Crazy Block

Apropos Sammeln: auch ganz alte Spitze kann manchmal zu hell weiß erscheinen. Färben Sie sie mit Tee. Aber bitte nur ganz kurz, sonst sind ihre Schätze schnell dunkelbraun. Kaum hineingelegt, müssen sie schon wieder herausgefischt werden. Oder Sie können Fotos auf Stoff drucken und diesen in ihren Crazies verarbeiten, wenn Sie einen Drucker zur Verfügung haben. Der Stoff muss in Bubble Jet getränkt, anschließend getrocknet und auf Freezer Papier gebügelt werden. Schneiden Sie das Freezer Paper auf DIN A 4-Format. Das ausgedruckte Bild müssen Sie 24 Stunden trocknen lassen. Auf alle Fälle – da können Sie sicher sein – werden Ihre Crazies lauter Unikate und ureigenster Ausdruck Ihrer Persönlichkeit sein.

(c) Anne Lange, 2007