Strukturen Atelier Lange Nadel - www.lange-nadel.de

Strukturen

In diesem Kapitel geht es um strukturgebende, dreidimensionale Sticktechniken. Es gibt viele Möglichkeiten, die Oberfläche einer Stickerei oder eines Art Quilts in die dritte Dimension zu führen. Einige davon haben Sie vielleicht schon in einem meiner Kurse "Hochgetürmt und kugelrund" kennengelernt, weitere möchte ich Ihnen vorstellen. (Eine kleine technische Vorbemerkung: Die abgebildeten Stickereien beziehen sich nicht immer auf den Text, in den sie eingebettet sind).

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Besonders gut kommen Strukturen in weiß/creme zur Geltung, wenn man Licht und Schatten mitspielen lässt. Natürlich geht es auch in anderen Farben, aber am besten immer monochrom. Unten sehen Sie meinen Quilt "Versunkener Schatz", für den ich Stoffe und Garne verwendet habe, die mit Walnussschalen gefärbt sind. Und Goldwork. Und Meerestiere aus unserer Glasbläserwerkstatt ...

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Stumpwork (Reliefstickerei)

"Stumpwork ist eine erhabene Form des Stickens, die auf einem Hintergrund gearbeitet und dann auf einen anderen Hintergrund übertragen wird. Stumpwork ist dreidimensional durch die Einbeziehung von Paddings (Unterlegungen), Perlen, Draht und/oder Nadelspitze"

mit diesem Zitat von Jeanmarie Bruccia eröffnet die Internetseite

http://prettyimpressivestuff.com/stumpwork.htm

ihre Ausführungen zum Thema Stumpwork, einer Technik, die im 17. Jahrhundert in England ihre Blüte hatte. Danach soll sie für lange Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten sein. Andere Quellen jedoch berichten darüber, dass englische Mädchen, bevor sie an die ernste Arbeit der Monogrammstickerei und die Herstellung ihres eigenen Wäschebestandes gingen, die Gestaltung von Stumpwork-Püppchen erlernten und so spielerisch an die schwierigeren Techniken herangeführt wurden.

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Es sind nicht all zu viele historische Originale erhalten, denn die Konservierung war schwierig. Dennoch gibt es einige überaus sehenswerte Stumpwork-Boxes aus dieser Zeit, auf denen etwa biblische Szenen gearbeitet sind. Wie so viele Sticktechniken wurde auch Stumpwork zunächst im kirchlichen Bereich verwendet und fand erst später Einzug in den säkularen Bereich. Diese mehr weltlich ausgerichteten Darstellungen mit Früchten, Pflanzen und Tieren sind auch unter dem Begriff "elisabethanische Stickerei" bekannt.

Cover

Faszinierende gestickte Püppchen (oben: Golfspieler) finden Sie z.B. in dem Buch: Raised Embroidery, A Practical Guide to Decorative Stumpwork von Roy and Barbara Hirst


Eine Renaissance erfuhr die alte Technik erst wieder im zwanzigsten Jahrhundert, hauptsächlich durch australische Künstlerinnen wie Jean Fletcher und Jane Nicholas. Es wurden neue Bücher verlegt in einer solchen Vielfalt, dass es den meisten Interessierten zunächst sehr schwer fällt, dem Begriff "Stumpwork" richtig einzuordnen. Mal glaubt man zu begreifen, dass es sich bei "Stumpwork" um Schmetterlinge und Libellen handelt, die so aussehen, als seien sie gerade erst auf die Stickerei geschwebt. Doch im nächsten Buch sind ganze Familien als Puppen in Nadelspitze-Kleidung abgebildet. Oder Elefanten, verziert mit kostbaren indischen Teppichen, eine verwirrende Vielfalt. Ja, das alles ist Stumpwork - denn es ist letztlich der umfassende Begriff für alles, was dreidimensional ist, und alles, was auf einem Stoff gearbeitet und dann auf einen anderen Stoff übertragen wird.

In der Literaturliste sind zahlreiche Bücher von Jane Nicholas aufgeführt, die auch alle wunderschön und sehr zu empfehlen sind. Als Einstieg jedoch würde ich zu den zwei zuerst genannten Büchern raten:

Stumpwork
  • Kay Dennis: Beginner's Guide to Stumpwork, Search Press
  • A-Z of Stumpwork, Country Bumpkin Publications (Die A-Z-Bücher sind immer zu empfehlen!)
  • Barbara and Roy Hirst: Raised Embroidery: A Practical Guide to Decorative Stumpwork, Murdoch Books
  • Barbara and Roy Hirst: New Designs in Raised Embroidery, Murdoch Books

Die folgenden Bücher sind alle von Jane Nicholas, alle verlegt bei Sally Milner Craft Series: The Complete Book of Stumpwork Embroidery

  • Stumpwork Embroidery: A Collection of Fruits, Flowers & Insects for Contemporary Raised Embroidery
  • Stumpwork Dragonflies
  • Stumpwork Embroidery Designs and Projects (Milner Craft (Hardcover))
  • The Stumpwork, Goldwork and Surface Embroidery Beetle Collection

Casalguidi

Casalguidi ist benannt nach einem Dorf in der Nähe von Florenz, wo diese Form der Weißstickerei ihren Ursprung hat. Besonders typisch an dieser Stickerei sind die Untergründe aus zusammengezogenen Fäden (Ajour) und die darüber gearbeiteten verschlungenen Linien im erhabenen Stilstich. Auch viel Nadelspitze über Paddings wird in diesen Designs gearbeitet. Oft sieht man auch kleine Quasten aus überstickten Kugeln. Einen guten Eindruck, was Casalguidi ist, verschafft Ihnen zum Beispiel der Link http://www.jmddesigns.co.nz/cashis.htm

Ursprünglich wurde Casalguidi ausschließlich auf Leinen gearbeitet; und immer in Weiß. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, die Casalguidi der zeitgenössischen Stickerin zu bieten hat und wie wandelbar die Formen sind. Man kann mit bunten Garnen arbeiten und zum Beispiel die schönsten Unterwasserwelten oder sehr abstrakte, wunderbar tief strukturierte Werke schaffen. Viele der Stiche in diesem Modul sind dem Casalguidi entnommen. Eine wahre Fundgrube ist das Buch "Casalguidi Linen Embroidery", das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist. Sie können es sich in meiner Bibliothek gerne einmal ansehen.

Schmetterling

Mountmellick

Zuweilen wird Struktur aber nicht mit Hilfsmitteln erreicht, sondern entsteht auch durch die Verwendung von besonders dicken Garnen, zum Beispiel in der irischen Mountmellick Embroidery. Oder in der "Candlewick" Technik, erfunden von Arbeiterinnen einer Kerzenfabrik, die nach Feierabend mit den dicken weißen Dochten zu sticken begannen und dabei diese wunderschöne Sticktechnik entwickelten. Über diese Techniken wäre noch ein eigenes Kapitel zu schreiben.

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Brazilian Embroidery

Brazilian Embroidery ist eine Technik, die allein durch die Raffinesse der Stiche ihre Dreidimensionalität erzielt. Ein informativer Link dazu: Brazilian Dimensional Embroidery International Guild

Brazilian Embroidery ist noch sehr neu, sie entstand um 1960 und eine wichtige Eigenart ist traditionell die Benutzung von Rayon Garnen, welche ich nicht unbedingt empfehlen möchte, jedenfalls nicht für Anfängerinnen. Die Verarbeitung ist recht schwierig, weil das Garn zwar wunderbar glänzt, aber sehr rutschig ist. Wer aber den herrlichen Glanz gerne nutzen würde und knifflige Garne als Herausforderung schätzt, dem sei zugeraten, es einmal zu probieren. Die Technik ist jedoch auch durchaus mit anderen Garnen umsetzbar, den typischen Glanz kann man weitgehend auch mit Seide erzielen.

Viele Stiche aus der Brazilian Embroidery (z.B. Cast-on und double-cast-on-stitch) finden Sie in dem schon erwähnten Online-Stich-Lexikon http://inaminuteago.com/stitchindex.html

Auch Pat Trott hat in ihrem empfehlenswerten Buch die Stiche dieser Technik aufgegriffen, selbst wenn sie das Wort "brazilian" gar nicht benutzt hat.

Pat Trott: Three Dimensional Embroidery Stitches, Search Press

Perlen

Bild oben: Auch auf Kanvas (zählbarem Stoff)
kann man sehr frei mit viel Struktur gestalten

Experimentelle Formen

Meiner Meinung nach kann man alles auf einen Quilt sticken, was nicht schlecht wird (schimmelt, verfault) oder so schwer ist, dass es den Quilt zu Boden reißt. Sicher fallen Ihnen da selber genug Dinge ein. Vor den meisten Textilkünstlerinnen ist nichts sicher. Sie wühlen sich durch Motorradläden, fühlen sich pudelwohl auf Schrottplätzen und Flohmärkten, bringen Verkäufer in Tierhandlungen zur Verzweiflung, weil sie Plastikschläuche kaufen wollen, aber die Frage nach der Pumpengröße im Aquarium nicht beantworten können. Oder sie irritieren Familienmitglieder, weil sie plötzlich die Flusen aus dem Wäschetrockner auf dem Küchentisch ausbreiten und nach Farben sortieren …

Ein Tipp zum Schluss: schauen Sie sich auch einmal um in den verwandten Disziplinen. Sie können sich im Floristikbedarf inspirieren lassen, Gestricktes ausstopfen, mit Draht häkeln oder mit Fimo modellieren, dicke Garne selber spinnen und noch mal auf doppeltes Volumen verzwirnen, vor allem aber sollten Sie einmal Ihr Augenmerk auf Filz richten! Aus Filz lassen sich alle gewünschten Formen und Paddings herstellen, in allen erdenklichen Farben, naß mit Wasser und Seife, oder trocken mit einer Spezialnadel. Gerade diesem Bereich ist in der letzten Zeit sehr viel Neues entstanden, siehe das Kapitel Nadelfilzen.

(c) Anne Lange, 2007

 
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